Kindheit und Jugend in der Freikirche

Geboren wurde ich als Sandwichkind mit zwei älteren und drei jüngeren Geschwistern. Den Psychologen wird’s freuen, da meine emotionale Laufbahn der des Lehrbuchs folgt. Ständig die Angst abgelehnt zu werden, Angst vor Zurückweisung und sowieso immer das Gefühl nicht gleichbehandelt worden zu sein. Der psychologisch Bewanderte wird diesen Emotionen sicher noch weiteren hinzufügen können; und vermutlich liegt er mit seinen Hinzufügungen auch richtig.

Die Familie war christlich konservativ geprägt. Teil einer kleinen pietistischen Christengemeinschaft, die glaubte allein auf der Wahrheit der Bibel zu leben. Naja, gesagt wurde das nicht so öffentlich, aber insgeheim glaubte man das. Religiösen Zwang gab es nicht, bis auf die Pflicht der Gute-Nacht-Gebete, dem Bibellesen nach dem Essen, dem bösen Blick wollte man mal nicht in den Gottesdienst gehen oder wenn man mal theologisch eine andere Denkweise hatte. Nunja, zumindest glaubten meine Eltern, dass kein Zwang besteht. Somit ist zumindest mal der Wille positiv gewesen.

KINDER- TEEN UND TWENZEIT
Die Kindheit war ganz okay. Die Jugendzeit eher bescheuert, weil durch das Sandwich-Dasein mir die Gefühle viele Streiche spielten. Ich war öfters verliebt in Personen in die ich mich nicht verlieben durfte. Wobei es auch schwer war laut Statuten in „richtige“ Personen verliebt zu sein. Und weil ich ein braver Christ sein wollte, war ich dann eben heimlich verliebt. Vermutlich hatte ich auch diesen Opferblick drauf. Das begünstigte den lang andauernden sexuellen Missbrauch (nicht durch die Familie), später den geistlichen Missbrauch und auch eine klassische Vergewaltigung. Alles dann gefolgt von den klassischen Traumata und Depressionen.

Die Gesamtlage war also eher suboptimal.

DER CHRISTLICHE GLAUBE
Nach dem geistlichen Missbrauch der kleinen Christlichen Gemeinde, schloss ich mich einer sehr großen Charismatischen Gemeinde an. Übrigens: Geistlicher Missbrauch bedeutet das Ausnutzen von Macht, was dem Machterhalt dient, aber dem Geschädigten schadet. In meinem Fall „Wenn du weiter charismatische Gemeinden gut findest, dann werde ich die Geheimnisse aus der Seelsorge erzählen“.

Durch meinen persönlichen Einsatz dort wurde ich bald zu einem Leiter und hatte zu meinem Laufbahnende die Verantwortung für ca. 30 Mitarbeiter. Als Technikleiter betreute ich bis zu drei Gottesdienste an einem Sonntag. Die Arbeit war hart, das Management autoritär. Alles was zählte, waren die Zahlen (wie viele Besucher, wie viele „Bekehrungen“, wie viel Spende). Das autoritäre Verhalten („ich bin der von Gott gesetzte Pastor. Ich habe recht!“) führte dann später auch zur Spaltung dieser Gemeinde.
 Zuvor pflegte ich in dieser Gemeinde aber mein Doppelleben. Das machten dort sehr viele: Sonntags das brave, fromme Lächeln. Danach wieder „normal“ sein. Positiv halte ich fest, dass mir die Lobpreiszeiten doch einiges gaben. Diese Emotionale Wolke in die man sich erhob trug einen doch gern mal bis weit in den Montag hinein. Meist kam nach einem Montag aber wieder ein Dienstag – schade. Somit hielten die guten Emotionen meist nicht recht lange.

Die Predigten waren meist unterstes Niveau – zumindest wenn der Hauptpastor predigte. Das kratzte aber keinen. Wichtig waren einfach die Lobpreiszeiten: Gefühle rauf und sich „Gott ganz nah“ fühlen. Ja, so eine schöne Zeiten ohne Nachzudenken hatte ich später nur noch beim Tatort… Nach 10 Jahren intensivem Dienst (meine ehrenamtliche Tätigkeit umfasste ca. 40 Wochenstunden) wurde ich dann von heute auf morgen vom Dienst suspendiert weil ich „in Sünde lebte“. Das tat zwar jeder, aber ich Esel hatte vergessen, dass Facebook öffentlich ist und somit meine „Doppelleben-Deckung“ fallen gelassen. Jetzt musste ich entscheiden: Doppelleben oder „echt leben“. Ich entschied mich für „echt leben“ und flog raus. Naja, wurde mit höflichen Worten rausgebeten. Ich verlor mein gesamtes soziales Umfeld und (fast) alle Freunde. Später auch den Kontakt zu der Familie. Es war eine düstere und traurige Zeit.

… Fortsetzung folgt.