Wünsch Dir was!

Der Glaube an die eigene Wirksamkeit, der die Grundlage eines jeden individualistischen Weltbildes ist, scheint bei vielen Menschen heute erschüttert zu sein. Die Menschen fühlen sich, warum auch immer ohnmächtig und ausgeliefert. Die Macht, überhaupt irgendetwas zu bewirken, wird von den Menschen dann dann überpersonal verantwortet: Beim “System”, beim “Kollektv”, beim “Staat”, bei “Gott” oder eben dem Universum. Die einzige Verbindung zwischen dem Ego und diesem “Über-Ich” sind in diesem Weltbild dann “Gebete” oder gebetsartige Affirmationen, von denen das Ego hofft, dass sie die überpersonale Instanz beschwichtigen oder irgendwie beeinflussen könnten.

Klar ist: Wenn ich als Krünmelchen im Universum ja doch nichts ausrichten kann, dann kann ich es auch gleich bleiben lassen, dann brauche ich erst gar nicht aktiv zu werden. Dann kann ich mich auf das Wünschen, Beten, Visualisieren beschränken und darauf hoffen, das das Universum mit mir irgendwie verträglich umspringen wird.Das ist eine wunderbare Ausrede zur Untätigkeit.

Die Wahrheit ist aber, dass derjenige, der seinen Traumpartner noch nicht gefunden hat, in die Welt hinaus muss um ihn zu finden. Derjenige, der noch nicht soviel Geld hat, wie er sich wünscht, muss die Ärmel hochkrempeln und seine Stärken in wertvollen Nutzen für andere verwandeln. Wer noch nicht in einer friedlichen Welt lebt, die er sich wünscht, muss losziehen und Frieden schaffen.

Was aber passiert mit den Menschen, die auf das Wünschen, Hoffen und Sich-Einreden vertrauen, dann aber mit ansehen müssen, wie sich nichts in ihrem Leben zum Besseren wendet? Das Perfide und Zerstörerische an dem passiven und Post-individualistischen Weltbild der Wunscherfüllung ist meiner Ansicht nach, dass positive Auswirkungen dem “Universum” oder einem seiner Vetreter zugesprochen werden, aber negative Auswirkungen odern nicht eintretende Wünsche der eigenen Person angelastet werden. […] Wenn Du nach einem Jahr Wünschen immer noch kein Stückchen reicher geworden bist, dann hast Du Dir das nicht richtig gewünscht! Dann ist noch irgendwas in Deinem Kopf nicht richtig. Dein Unterbewusstsein blockiert dich. Du musst Dich doch weiterentwickeln. Dein Geist ist noch ncht bereit für noch mehr Geld! Also brauchst Du die Wunscherfüllungsstrategie umso dringender.

Das Ego wird also immer defizitär erlebt. Nicht das Potenzial der eigenen Stärken wird aktiviert um künftig die eigene Welt zu gestalten sondern das Defizit der eigenen persönlichen Schwächen ist Schuld an der Misere der Gegenwart.

In dem die Verantwortung für das Gute dem Universum oder dem System oder dem Gott oder dem Guru zugesprochen wird und gleichzeitig die Verantwortung für das Schlechte und Böse, kleinen, dummen Menschlein zugesprochen wird, entsteht eine Abwärtsspirale der Untätigkeit. Die Menschen werden fügsam, man kann sie besser ausnutzen und ihr Selbstgefühl wird immer kleiner.

Mit Methoden, Programm oder Systemen, die auf Wunscherfüllungsversprechen fußen, kann man schwache Menschen einfangen, dafür sorgen, dass sie schwach bleiben, man kann sie hervorragend melken und ausnutzen. Menschen, die wunschstark aber handlungsschwach bleiben, die bleiben auch immer frustriert und unglücklich.

Lothar Seiwert, “Ausgetickt” S.65/66